Hypochondrie verstehen und bewältigen: 7 Strategien, die wirklich helfen

Krankheitsangst, Hypochondrie

Die Angst vor Krankheiten (Hypochondrie) und was Du selbst dagegen tun kannst

Kennst Du das? Ein vermeintlich neues, ungewohntes Körpersymptom tritt auf und sofort setzt sich die Gedankenspirale iin Gang. „Was könnte das sein, ist es vielleicht etwas Schlimmes?“ Das Symptom wird weiter beobachtet und verstärkt sich damit fühlbar. Mitunter gesellen sich noch weitere körperliche Auffälligkeiten dazu und das Kopfkarussell dreht sich schneller. Ein weiterer Schritt ist hier das Symptome googeln: Neben ungezählten Werbebannern finden wir auf einschlägigen Seiten meist schnelle Beruhigung. Oder aber das Gegenteil. Denn so gut wie jedes eingegebene Symptom wird in den Artikeln auch häufig mit tödlichen Krankheiten in Verbindung gebracht. Natürlich ist dies mit einer Null-Komma-Wahrscheinlichkeit sogar der Fall. Aber Wahrscheinlichkeiten werden auf den Seiten, die von Google als Erstes ausgegeben werden, selten mitgeteilt. Oder ein Verwandter oder Bekannter erhält eine schwerwiegende Diagnose oder verstirbt gar an einer schweren Krankheit. Da sind zunächst der Schock und die Trauer sowie die Erinnerung an die Endlichkeit des Lebens. Nicht selten entwickeln wir in dieser Situation eine Angst, die in die Richtung der miterlebten Diagnose gehen kann. Bei Verwandten kommt die Sorge um eine mögliche Vererbung ins Spiel. In diesem Moment halten wir eine eigene schwere Krankheit für wahrscheinlicher, als sie tatsächlich ist. Dieser Mechanismus der Psyche lässt sich übrigens gut hinter Unfallstellen beobachten und sogar messen: Hier fahren die nachfolgenden Fahrzeuge deutlich langsamer und vernünftiger als üblich. Die Psychologen nennen das Verfügbarkeits-Heuristik.

Noch „normal“?

Diese Mechanismen sind in der menschlichen Psyche angelegt und normal. Hypochondrische Gedanken sind ein verbreiteter Automatismus, den sicher viele kennen, und wenn sich die Besorgnis bald beruhigen lässt, kein Problem. Schließlich sorgen sie für eine gesunde Achtsamkeit bezüglich der eigenen Gesundheit und des eigenen Körpers. Allerdings kann sich die Spirale weiterdrehen und dann solltest Du aufmerksam hinschauen, denn es kann sein, dass diese Sorgen sich in handfeste, ständige Ängste oder gar Hypochondrie ausweiten. Die Betroffenen geben ihrem Körper und allem, was er tut, besonders viel Aufmerksamkeit in negativer Hinsicht. Manchmal wird die Beschäftigung mit möglichen schweren Krankheiten sogar lebensbestimmend. Wenn man bedenkt, dass es sich bei Ängsten im Grunde um eine Visualisierung einer bedrohlichen, stets negativen Situation in der Zukunft handelt, kann man vielleicht auch als Nicht-Betroffener erahnen, welchen enormen Stress Krankheitsängste bereiten. Gleich einem Albtraum, der ebenfalls Stressreaktionen hervorruft, sorgen auch die gefürchteten Zukunftsvisionen einer schlimmen Krankheit dafür, dass der Körper einen enormen Stress erlebt. Den Körperreaktionen sind dabei die vernünftigen, analytischen Beruhigungen des eigenen Verstands oder der Umwelt herzlich egal. Die Angst flüstert dem Menschen eine fast tägliche Todesangst ein, daher ist es nur allzu verständlich, dass der Mensch, der sich in einem gefühlten Überlebenskampf befindet, über die Maßen belastet sind und leiden.

Ständig erhöhtes Stresslevel

Menschen mit Hypochondrie leben in einer negativen Dauererregung, die mehr und mehr Tribut fordert. Freude, Ausgeglichenheit, Kreativität und Sozialkontakte – eigentlich alles Schöne – nehmen in gleichem Maße ab, wie die Ängste zunehmen. Denn anders als viele andere Ängste, sind die Krankheitsängste fast immer da. Das heißt, sie sind nicht wie manch andere Ängste an besondere äußere oder soziale Situationen gebunden.

Ständige Kontrolle des eigenen Körpers

Viele Klienten mit Krankheitsängsten berichten, dass sie sehr damit beschäftigt sind, ihren Körper zu kontrollieren, z.B. den Blutdruck regelmäßig messen. Oder sie sind in einem ständigen Ärztemarathon unterwegs. Teil der Krankheit ist nämlich leider häufig, dass der Arztbesuch zwar zunächst entlastet, aber sich dann innerhalb weniger Stunden oder Tage die Befürchtung aufdrängt, der Arzt könnte etwas übersehen haben.

Was kannst Du tun? 7 psychologische Tipps aus der Praxis:

Je nachdem, wie stark Deine Krankheitsängste Deinen Alltag bereits dominieren, solltest Du Dir therapeutische Hilfe suchen. Du kannst aber auch viel selbst machen:
  1. Mache Dir klar, dass Du mit Deinen Gedanken oder vielmehr der Aufmerksamkeits-Fokussierung auf ein vermeintliches Symptom dieses verstärkst oder sogar hervorrufen kannst. Wenn ich jetzt schreibe, stelle Dir vor in eine Zitrone zu beißen, könnte sich Dein Speichelfluss erhöhen. Genauso kann Dein Körper aber auch auf die Vorstellung einer Krankheit reagieren.
  2. Versuche Deinen Aufmerksamkeits-Fokus bewusst zu steuern. Das heißt nicht, dass Du Dich zwanghaft ablenken sollst, sobald eine Angst auftritt, auch wenn dies für den Moment helfen kann. Vielmehr nimmst Du den Angstgedanken bewusst als diesen wahr und lässt ihn dann ziehen, gibst ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit. Das schreibt sich leichter als es tatsächlich ist, ich weiß, aber Übung macht den Meister. Wenn Du Dich nicht bereits mit Meditation beschäftigt hast, solltest Du jetzt anfangen, es zu tun. Denn Meditation hilft Dir bei der Selbstbeobachtung, hilft Dir, einen sich aufdrängenden Gedanken als solchen zu identifizieren und dann auch wieder ziehen zu lassen.
  3. Wie bei jeder Angst ist es nötig, den Stresslevel des Körpers zu senken: Regelmäßiger Sport und Entspannungsübungen. So abgedroschen das klingt, macht es doch Sinn und ist elementar wichtig für Dein Wohlbefinden. Stresshormone haben im Grunde nur ein einziges Ziel: Körperliche Aktivität. Ursprünglich wollten sie eine Flucht- oder Kampfreaktion initiieren, um das Überleben des Individuums in einer unüberschaubaren, bedrohlichen Situation zu sichern. Der berühmte Säbelzahntiger. Unser Körper ist nämlich noch entsprechend angelegt, obwohl es keine Säbelzahntiger mehr gibt. Er setzt nun beispielsweise die Furcht vor Krankheiten an deren Stelle.

Ebenso wichtig wie körperliche Betätigung ist die Entspannung. Wenn die Stresshormone in Deinem Körper längere Zeit erhöht sind, hat das Auswirkungen auf viele Funktionen wie Konzentration, Leistungsfähigkeit und Kreativität. Dann wird es immer schwieriger, ganz abzuschalten. Und die Gehirnzentren, die für Ängste zuständig sind, geraten durch Dauerstress in Daueralarm, sind also viel empfänglicher und sensibler für angstauslösende Reize. Abgesehen davon führt diese Daueranspannung ihrerseits zu körperlichen Symptomen:

Viele Beschwerden entstehen allein durch Anspannungen: Gefühlte Herzschmerzen können beispielsweise von einer verspannten Muskulatur im Brustwirbelsäulenbereich oder dem Zwerchfell kommen. Sogar ein erhöhter Blutdruck kann mitunter durch Anspannung entstehen. Durch die bei Angst typische flache, schnelle Atmung entsteht beispielsweise ein erhöhter Puls, der dann seinerseits wieder die Angstgedanken aufrechterhalten kann.

  1. Gehe zum Arzt Deines Vertrauens und lasse die Symptome prüfen. Glaube ihm, wenn er sagt, da ist alles in Ordnung. Wenn Dein bisheriger Turnus beispielsweise ein wöchentlicher Arztbesuch war, versuche, die Zeit bis zum nächsten Besuch auszudehnen, frage den Arzt, nach seiner Meinung und halte Dich daran. Das ist auch leicht gesagt, vielleicht kannst Du hier für Dich die systematische Desensibilisierung anwenden.
  2. Überlege Dir, welche tieferen Ursachen Deine Krankheitsangst haben könnte. Diese haben möglicherweise thematisch gar nichts mit Krankheit zu tun, sondern werden lediglich von den Krankheitsängsten „zugedeckt“. Welchen Nutzen haben die Ängste? Oft bringen sie Zuwendung oder Schonung des Partners oder der Familie. Vielleicht verhindern sie, dass Du zu einer Arbeit gehen kannst, die Du nicht liebst, oder die sogar zur Belastung geworden ist? Wo eventuell sogar Mobbing herrscht?

Fange an, Dinge für Dich zu erbitten. Wann hat Dich das letzte Mal jemand einfach nur gehalten?

Stelle alles auf den Prüfstand, wo lebst Du gegen Deine Bedürfnisse? Keine Tabus!

  1. Überlege mal, wieviel Energie und Kreativität Deine Angst entwickelt und sie in mögliche Krankheits- oder Leidens-Szenarien steckt. Wäre es nicht wunderbar, wenn Du sukzessive diese Energie wieder positiv für Dich nutzen könntest?
  2. Höre auf, Symptome zu googeln 😊
Es mag Dir wie ein beschwerlicher Weg vorkommen, vielleicht ist er das auch. Aber noch beschwerlicher und vor allem viel freudloser ist ein Leben mit Krankheitsängsten!

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