Toxische Beziehungen

Toxische Beziehungen
Was haben Angst und Panik mit toxischen Beziehungen zu tun?

Panikattacken und Depressionen – eine Folge von toxischen Beziehungen?

Wie hier beschrieben, ist davon auszugehen, dass psychische Symptome wie Angststörungen oder Depressionen in vielen, wenn nicht den meisten Fällen als eine Art Alarmanlage der Seele fungieren. Gegen die Symptome selbst kann mit Medikamenten und Verhaltenstherapie gut vorgegangen werden. Wenn aber nicht gleichzeitig eine Änderung der Lebensumstände erfolgt, kann es sein, dass diese entweder immer wieder auftreten oder aber in veränderter Form zurückkehren. Spätestens dann wird es Zeit, sich die Ursachen genauer anzusehen und nach Möglichkeit sukzessive Veränderungen zu bewirken.

Wiederauftreten und Symptomverschiebung können erste Hinweise sein, dass die Ursache noch nicht nachhaltig geklärt wurde

Eine meiner Klientinnen, nennen wir sie Anna, kontaktierte mich wegen akuter Panikattacken. Mittels der beschriebenen (hier) Methoden, vergingen diese fast so schnell, wie sie gekommen waren. Nach etwa eineinhalb Jahren kontaktierte Anna mich erneut, diesmal nicht mehr wegen Panikattacken, sondern wegen einer sich ständig verstärkenden sozialen Phobie. Die einst so lebensfrohe junge Frau hatte eine ausgeprägte Redeangst entwickelt, sowie Hemmungen, sich in größeren Menschenansammlungen aufzuhalten. Beides sind Symptome, die ihren Alltag immer mehr einschränkten. Bei den Gesprächen, die wir nun anschlossen, wurde klar, dass es sich um Folgestörungen handelte. Denn schon bei unserem ersten Kontakt war sie in einer dysfunktionalen Beziehung, die sie jedoch stehts verteidigte, denn ihr Partner „habe es wegen seiner schweren Kindheit halt nicht so leicht“. Was sie bei unserem zweiten Kontakt berichtete, grenzte nicht nur an psychischen Missbrauch, sondern erfüllte den Tatbestand. Auch wenn es ihr nur sehr langsam und widerwillig gelang, sich dies einzugestehen. Nachdem sie eine innere Distanz entwickeln konnte und sich wieder mehr auf ihre Stärken besinnen konnte, wurde auch die soziale Phobie deutlich besser. Es dauerte noch ca. ein Jahr, bis sie es schaffte, sich endgültig zu trennen und seitdem ist sie nicht wiederzuerkennen, kann ihre ehemaligen Ängste kaum noch nachvollziehen.

Dysfunktionale Beziehungen erkennen

Dysfunktionale – toxische – Beziehungen sind oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Sonst würden wir sie nicht eingehen bzw. aufrechterhalten. Sie kommen entweder verschleiert, erwischen uns vielleicht an einem „wunden“ Punkt, oder entwickeln sich langsam schleichend. Eine solche Kombination könnte im einfachsten Fall der Partner mit dem Alkoholproblem sein, der an die Partnerin mit latentem Helfersyndrom gerät. Meistens sind die unbewusst wirksamen Mechanismen jedoch weniger offensichtlich und deutlich komplexer.

Gaslighting – ein neuer Begriff für ein sehr altes Phänomen

Ein Beispiel für die langsam schleichende toxische Entwicklung wird heutzutage gerne mit dem Begriff „Gaslighting“ benannt. Gaslight war der Titel eines Psychothrillers aus dem Jahr 1940, der im Deutschen den Titel „das Haus der Lady Alquist“ trug. In der Handlung wurde die Hauptperson von ihrem – nach außen – stets liebevollen, sorgendem Ehemann systematisch verängstigt, getäuscht und immer weiter destabilisiert, um sie für verrückt erklären zu lassen. Natürlich ging es vor allem ums Geld: die junge Frau war eine reiche Erbin. Gezielt wird die Beziehung ausgenutzt, um eine emotionale Abhängigkeit zu erzeugen. Die Methoden sind dabei jedoch deutlich perfider, unterschwelliger, als im Film gezeigt. Das Spektrum ist vielfältig, kann von
  • emotionaler Erpressung über Schuldzuweisungen
  • von sinnlosen Streits über ständiges Widersprechen
  • Verächtlichmachung in der Öffentlichkeit über demonstrative, völlige Interesselosigkeit an der Person des Anderen
  • sowie pathologischem Lügen
reichen. Der langfristige Effekt bei dem Opfer ist die totale Destabilisierung. Es traut seinem Gefühl, ja, sich selbst nicht mehr. Ehemals selbstbewusste Menschen verkümmern in der Beziehung, manchmal ohne es zunächst selbst zu bemerken.

Symptome einer toxischen Beziehung können sein:

  • Schuldgefühle ohne zu wissen, wofür
  • Isolation von Freundeskreis und Familie
  • Stolz auf eigene Leistungen lässt nach
  • Starke Rücksichtnahme auf das Befinden des Anderen
  • Angst, Probleme in der Beziehung anzusprechen
  • Zweifel an eigenen Meinungen und Gefühlen
  • Zweifel an der eigenen Attraktivität und Kompetenz
  • Sexuelle Unlust
Nicht selten werden in Folge psychische Symptome entwickelt: Allen voran Depression und Angst in verschiedenen Erscheinungsformen.
Diese Auswirkungen von toxischen Einflüssen sind jedoch nicht allein auf Liebesbeziehungen beschränkt. Auch im Bereich Beruf, Familie oder/und Freundschaft können toxische Beziehung bestehen. Im großen Ganzen entsprechen die Mechanismen hier denen in der Liebesbeziehung.

Beruf:

Kollegen, mit denen eine enge Zusammenarbeit erforderlich ist, aber vor allem auch Vorgesetzte. Im beruflichen Kontext kann so eine dysfunktionale Beziehung schon in Richtung Mobbing gehen.

Familie:

Eltern, Großeltern, Kinder, die sich ausbeuterisch verhalten oder übermäßige Kontrolle auch noch beim erwachsenen Kind aufrechterhalten. Hierzu werde ich in Kürze in einem weiteren Blogartikel näher eingehen.

Freunde:

Mitunter entwickeln sich Kindheitsfreundschaften, die im Erwachsenenalter noch bestehen, fast unbemerkt in eine ungute Richtung. Hier gilt es besonders genau zu überprüfen, ob die Freundschaft diesen Namen auch nach Jahren weiterhin verdient.
  • Hast Du das Gefühl, Dein Freund / Deine Freundin wäre im Notfall immer für Dich da?
  • Wenn er/sie Probleme hat, musst Du sofort verfügbar sein, obwohl das umgekehrt keineswegs der Fall wäre?
  • Wie sind die thematischen Anteile, wenn Ihr Euch trefft? Geht es nur um ihn/sie oder bekommen Deine Themen auch Raum? Erzählst Du von dem, was Dich bewegt und sofort geschieht der Schwenk hin zu ihm/ihr?
  • Zeigt er/sie ehrliches Interesse an Deinen Themen, oder wird nur der Form halber gefragt?
  • Ist der Kontakt kontinuierlich oder ist er/sie teilweise monatelang schlecht erreichbar und kurz angebunden?
  • Hast Du das Gefühl, dass Du immer der/diejenige bist, der/die Kontakt aufnehmen muss?
  • Werden gemeinsame Projekte konsequent durchgeführt? Oder kam es öfter vor, dass diese sang- und klanglos von der anderen Seite fallen gelassen wurden? Möglicherweise ohne Info an Dich?
  • Hast Du bei gemeinsamen Aktivitäten ein Mitspracherecht?
Solche Phasen mag es in jeder Freundschaft hin und wieder geben, ohne dass die Freundschaft grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Die Frage ist jedoch, wie lange das schon so geht. Die solltest Du Dir nach ein paar Monaten oder gar Jahren eines solchen emotionalen Ungleichgewichts stellen.

Was kannst Du tun?

Vielleicht hast Du Dich in meiner obigen Beschreibung erkannt und fragst Dich nun, was Du tun kannst und solltest. Natürlich lautet die Antwort: Distanz aufbauen, toxische Beziehungen aus Deinem Leben entfernen. Aber das ist aus folgenden Gründen leichter gesagt, als getan:
  1. Abhängigkeiten: Rein äußerliche Abhängigkeiten, sei es finanziell, sei es familiär, lassen sich nicht von eben auf gleich auflösen
  2. Loyalität: Ich stehe zu dem Menschen, egal, was er mit mir macht, kann mir ein Leben ohne ihn oder sie einfach nicht vorstellen
  3. Angst, Nein zu sagen: Ich darf nicht für mich selbst einstehen.
  4. Zuviel Verständnis: Er oder sie ist so, weil… (schwere Kindheit, momentan eine schwierige Zeit, usw.)
Schließlich wärst Du nicht in einer toxischen Beziehung, wenn mindestens einer dieser Punkte nicht zutreffen würde. Wenn Du also nun erkennst, dass Du möglicherweise eine solch toxische Beziehung führst, die ein Grund dafür sein könnte, dass Du psychische Symptome entwickelt hast, ist der erste und wichtigste Schritt, dies zu erkennen und auch anzuerkennen.
Du gerätst allein durch das systematische Beobachten nämlich sofort in eine andere Rolle: Raus aus der Opferrolle, die viel mit Rechtfertigung, schlechtem Selbstbewusstsein, dem Gefühl des Kontrollverlustes, usw. zu tun hat, hin zu der eher neutralen Forscher-Rolle. Beobachte, welche Strategien Dein Gegenüber anwendet und welche Auswirkungen dies bei Dir hat. Welche Gefühle (vielleicht alte aus der Kindheit) quasi vollautomatisch aufpoppen, wenn Du es mit dieser Person zu tun hast. Ganz wichtig ist, dass Du Dich hier in die Verhaltensforscher-Rolle begibst und Dich nicht zu tief auf die Mechanismen einlässt. Das ist eine echte Herausforderung, aber wenn Du es schaffst, wirklich hilfreich. Lies Bücher zum Thema emotionaler Missbrauch oder Narzissmus. Beispiele hier:
Suche Dir professionelle Hilfe, wenn Du emotional zu sehr verflochten bist und immer wieder Entschuldigungen für die Person findest.
Bei gemeinsamen Bekannten kann es Dir passieren, dass derjenige zu nah am Geschehen ist und Dich nicht validiert, sondern im Gegenteil, weiter verunsichert. „Du bist da zu empfindlich“ oder ähnliche Aussagen verschlimmern Deine Destabilisierung eher, als dass sie helfen. Gerne bin ich zu diesem Thema in der Online-Beratung für Dich da, denn dysfunktionale Beziehungen und emotionale Abhängigkeit zu erkennen, ist zunächst nicht ganz einfach. Buche gerne ein unverbindliches Erstgespräch, um Deinen Fall zu schildern. Nach dem Erkennen folgt der Versuch der Klärung: Sprich die Dinge an, aber behalte Deine Erwartungen auf dem Schirm. Bleibe wieder in der Beobachter-Rolle, verwende Ich-Botschaften. Es ist ziemlich sicher, dass derjenige zunächst in die Abwehr geht und Dich nicht versteht, sich auch thematisch nicht auf Dich einlassen will. Beobachte auch dies und versuche Dich nicht triggern zu lassen. Kommt es durch dieses Gespräch zu einer Klärung? Gut! Die Beziehung kann damit auf das nächste Level gehoben werden. Wenn nicht, solltest Du Dir nicht die Frage stellen, OB eine Trennung möglich ist, sondern WANN. Trennung: Gib die Beziehung auf. Sehr leicht gesagt, ich weiß. Dieser Schritt kann mehrere Jahre dauern, er kann aber auch schnell erfolgen. Vielleicht drehst Du noch mehrere Ehrenrunden, bis Du erkennst, dass es keine andere Möglichkeit gibt, weil Du mit der Person immer wieder an dem gleichen Punkt landest. Allerdings steigern sich die Intensität und das Leiden weiter. Bei Familie, Freundschaften und Arbeitsbeziehungen kann es reichen, das Muster zu erkennen und zu beobachten, in eine distanziertere Position und Rolle zu gehen. Bei Liebesbeziehungen wird das vermutlich nicht funktionieren, denn die Dynamiken und die tiefen Sehnsüchte sind hier zu stark. Und eine distanzierte Liebesbeziehung ist ja in sich schon ein Widerspruch. Auch bei der Entscheidung für oder gegen eine Trennung bin ich gerne im 1:1 Coaching für Dich da. Aber egal, ob Du den Prozess mit oder ohne professionelle Hilfe angehen möchtest, es wird sich lohnen, ihn zu beginnen. Denn es ist Dein Leben und Du kannst auch nur wirklich verbunden für Andere da sein, wenn es Dir gut geht. Und wahre Freiheit funktioniert nun einmal nicht mit inneren oder äußeren Abhängigkeiten.

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