Wie Du als Partner, Freund oder Angehöriger einem Menschen mit Ängsten und Panikattacken wirklich helfen kannst

Wenn ein nahstehender Mensch mit einer oder mehreren Angst-Symptomatiken zu tun hat, hat das in mehrfacher Hinsicht Auswirkungen auf Dich als Angehörigen.

Zum Einen wird es zunehmend schwieriger, einen Alltag oder Unternehmungen mit der Person zu gestalten, da deren Verhalten und Planungen bereits Vermeidungsstrategien unterworfen sein könnte. „Dieses und jenes geht nicht, weil – du weißt doch – ich kann das nicht, wegen der Angst.“

Zum Anderen möchtest Du gerne helfen, entlasten, gut zureden. Du möchtest heraus aus der Machtlosigkeit, aber vielleicht entzieht sich Dir ja bereits das Verständnis. Denn objektiv betrachtet gibt es keine Bedrohungen und Du hältst die Angstphantasien zumindest für stark übertrieben. Das möchtest Du natürlich so nicht sagen und daher befindest Du Dich auf einer emotionalen Gratwanderung. Die Beziehung leidet, denn die ursprüngliche Verbundenheit weicht immer stärker dem Krankheitsverhalten. Eigentlich möchtest Du a) Dein altes Leben mit der Person zurück b) ihn oder sie so gut es geht unterstützen.

Was aber, wenn Deine Hilfe vielmehr das dysfunktionale System stärkt und somit das Gegenteil bewirkt?

In meinem Artikel zum Thema Vermeiden habe ich erläutert, warum Vermeidung unbedingt vermieden werden sollte. Letztendlich und langfristig führt sie dazu, dass die Ängste sich verstärken oder sogar generalisieren, d.h. sich auf andere Auslöser ausweiten. Wenn Du also in gutem Glauben ein solches System unterstützt, verstärkst Du das Symptom, gegen das Du eigentlich helfen wolltest.

Ich möchte Dir hier verschiedene Beispiele aufzeigen, um zu veranschaulichen, warum gut gemeint im Fall von Ängsten leider nicht immer gut gemacht bedeutet.

  1. Gut zureden, mit Fakten argumentieren. Per se nicht schlecht, je nach Ausmaß. Aber wundere Dich nicht, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt. Die Person mit Ängsten ist nicht vernunftbasiert, sondern in ihren Emotionen gefangen. Stelle Dir eine Katze vor, die gerade einem Hund entkommen ist. Wenn Du ihr sagen würdest, hey, der Hund ist weg, kannst rauskommen, wäre sie dazu nicht in der Lage, selbst wenn sie jedes Deiner Worte verstehen könnte. In diesem Fall würdest Du auch nicht mit Logik argumentieren. Denn Angst erfasst den ganzen Organismus und findet in den tiefer liegenden emotionalen Hirnregionen statt. Diese haben einen großen Einfluss auf das rationale Gehirn, aber umgekehrt wird es im Zustand der Erregung schwer bis unmöglich.
  2. Den Anlass kleinreden oder Dich lustig darüber machen: Es kommt natürlich – wie immer – auf das Wie an, und ob der oder die Betroffene mitlachen kann. Im ungünstigsten Fall schadest Du Eurer Beziehung und der oder die Ängstliche fühlt sich unverstanden und in seine Albtraum isoliert.
  3. Jederzeit abrufbar sein und Dinge, die vermieden werden, abnehmen. Das ist zwar sehr lieb gemeint, wird Dich aber zum Einen auf die Dauer auslaugen und zum Anderen erhältst Du damit das Krankheitsverhalten aufrecht.
 

Es ist als Angehöriger oder Partner nicht einfach, diese Punkte zu berücksichtigen. Vor allem dann, wenn man selbst keinerlei Erfahrungen mit Angststörungen hat. Du selbst bist nicht in diesen emotionalen Extremzuständen, Dein Alltag ist vernunftbetont. Man könnte fast sagen, Ihr seid in Parallelwelten unterwegs, die unterschiedlicher nicht sein können. Wie also kannst Du Dich verhalten, um die bestmögliche Unterstützung in Bezug auf die Heilung des Betroffenen geben zu können?

  1. Gehe nicht in die Therapeutenrolle, auch wenn Du Dich auskennst. Du bist durch die enge Verbindung nicht der oder die richtige Person dafür. Du bist Partner/in oder Angerhörige/r, also bleibe in dieser Rolle. Wenn Du weißt, wie Angststörungen und Panikattacken behandelt werden, kannst Du ihm/ihr natürlich darüber berichten, aber handeln muss er/sie selbst.
  2. Unterstütze ihn/sie dabei, sich professionelle Hilfe zu suchen. Wenn es geht ohne Überredung, denn eine Therapie, die nicht aus eigener, freier Entscheidung aufgesucht wird, wird meist schnell abgebrochen.
  3. Bedenke, dass jedes Leiden auch einen Nutzen hat, der so genannte sekundäre Krankheitsgewinn. Das machen die Personen nicht absichtlich oder mit Berechnung. Es kann aber dennoch sein, dass die psychischen Symptome in Form von Angststörungen oder Panikattacken eine Ausdrucksform des Bedürfnisses nach Sicherheit und Geschont-Werdens darstellt. Sei also für die Person da, und das nicht nur, wenn sie besonders bedürftig und hilflos erscheint. Nicht immer, aber immer wieder.
  4. Überprüfe Dein eigenes Bedürfnis zu helfen: Hast Du vielleicht Ansätze eines Helfersyndroms? Fühlt es sich für Dich übermäßig gut an, gebraucht zu werden? Damit wärst Du Teil des Krankheits-Systems und würdest ungewollt zu seiner Aufrechterhaltung beitragen.
  5. Erkläre ihm/ihr das Prinzip der Vermeidung und dass eben diese Vermeidung dazu beiträgt, die Angst zu erhalten oder zu verstärken. Versuche so gut es geht, das im Hinterkopf zu behalten, damit Du Vermeidung nicht unterstützt. Das ist sicher nicht einfach, denn es bedeutet, Nein sagen zu können. Wenn es nicht immer klappt, ist das in Ordnung und normal, aber trainiere das Nein sagen, es ist im Sinne der Gesundung Deines Angehörigen.
  6. Versuche, Dein eigenes Leben zu erhalten. Zieh Dich ab und zu aus der Situation und gehe weiter Deinen Hobbys und Sozialkontakten nach. Was zunächst egoistisch klingen mag, ist von besonderer Wichtigkeit für Euch beide, Eure Beziehung zueinander und den Heilungsprozess. Denn wenn Du zugunsten einer ständigen Anwesenheit und Erreichbarkeit länger auf die Dinge verzichtest, die Dich aufladen, verlierst Du Dich. Du läufst Gefahr, selbst an Depressionen oder Burn-Out zu erkranken, das muss so deutlich hier gesagt werden. Du kannst nur gut für Andere da sein, wenn es Dir gut geht!
Zusammengefasst: Sich mit einem Angehörigen mit einer Angststörung richtig zu verhalten, ist nicht einfach. Psychische Erkrankungen sollten als Systemerkrankung verstanden werden, denn sie sind im Grunde nicht auf die eine Person beschränkt, sondern sollten im sozialen Zusammenhang angeschaut werden. Diese ist nur der Symptomträger. Jedes Mitglied der Gemeinschaft sollte sich hinterfragen, inwiefern es zur Erhaltung der Krankheit beiträgt. Das funktioniert am besten mit einer Familien- oder Paarberatung, denn mit der Zeit wird man gerade in Bezug auf die eigenen Systeme ein wenig oder ziemlich betriebsblind.

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