Christina Kolbe

Heute habe ich Tortellini mit Spinat-Käse-Soße gemacht. Ich sehe Dich noch vor mir, höre Deine Worte, wie Du mir dieses Gericht erklärt hast. Ich glaube, Du hattest es Dir selbst ausgedacht, aber das weiß ich nicht mehr – es ist so lange her. 

Ich würde Dich gern fragen, aber Du antwortest mir nicht mehr. 

Sehe Deinen Ausdruck, leicht schelmisch und ein bisschen klugscheißerisch – Du eben. Immer noch höre ich innerlich manchmal den Kommentar, sogar den Tonfall, den Du wohl von Dir geben würdest, wenn ich mich handwerklich versuche. Und mein Hirn ergänzt Deine unverwechselbare Gestik.

Als Du mich geghostet hast, gab es dieses Wort noch nicht.

Oft haben wir Tränen gelacht, gefeiert, immer konnte ich mich auf Deine Hilfe verlassen. Ich habe Dir – und ich glaube Du mir auch – alles erzählt. Wir haben philosophiert, diskutiert, die Welt verbessert. Liebeskummer sind wir gegenseitig losgeworden und dann wieder losgezogen. Ich denke gerne an diese 20 Jahre. 

Ich würde es gerne Freundschaft nennen, aber etwas ist schräg daran. Freunde canceln sich nicht einfach ohne ein Wort, oder?

Es war ein gutes Gefühl, Dich immer nur einen Anruf weit entfernt zu wissen. Bedingungslose Akzeptanz, so glaubte ich, auch wenn es mal Streit gab.

So täuscht man sich.

Ich habe mir das Hirn zermartert. Habe ich etwas Falsches, etwas Verletzendes gesagt? Unabsichtlich, aber so verheerend, dass es keine Klärung geben kann oder darf? 

Dann kam die Wut, nicht einmal eine Aussprache wert zu sein. Als ob ein Aus-Knopf betätigt wurde, den ich selbst noch immer nicht gefunden habe. Und ist es wirklich so leicht, auf mich zu verzichten? Als gäbe es mich nicht und hätte mich nie gegeben. Irrelevant. 

“Ghosting” ist menschenverachtend.

Es war Deine Entscheidung und ich kenne den Grund nicht. Inzwischen ist es ok. Oder sagen wir lieber, ich habe mich an den Gedanken gewöhnt. Solche Erlebnisse lassen einen wohl “erwachsen” werden – erwachsen in seiner schlimmsten Wortbedeutung. Ernüchtert, enttäuscht, Vertrauen und Glaube an Freundschaft und Verbundenheit fällt nicht nur ein bisschen schwerer – oder wird gar unmöglich.

Was bleibt sind Fotos, die mich manchmal noch grinsen lassen. Doch das verschwindet dann auch schnell wieder aus dem Gesicht. Ich überlege sie wegzuschmeißen. Und was auch bleibt, ist Kopfschütteln, das schier nicht aufhören will.


Und eben ganz viel Traurigkeit.