Wie uns unsere täglichen kleinen Ängste einschränken

Woher kommt die Angst vor dem Alleinsein oder die Angst vor Veränderung und was kannst Du dagegen tun?

Viele Menschen haben ihr Leben der Angst untergeordnet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man hat sein Auskommen, merkt aber zunächst gar nicht, dass das vermeidende Verhalten immer mehr Raum einnimmt. Erst wenn der Alltag oder die Beziehungen massiv eingeschränkt werden, beginnen sie damit, sich mit der Angst auseinander zu setzen. Die „soll weg“. Kein Wunder, Ängste erhöhen das allgemeine Stresslevel des Körpers und fühlen sich naturgemäß deutlich unangenehm an.

Warum es aber sinnvoll ist, sich bereits vorher schon mit den alltäglichen kleineren Ängste, bei denen der Therapeut noch nicht von einer „Störung“ sprechen würde, zu beschäftigen, möchte ich Dir in diesem Artikel erläutern. Dazu gehören beispielsweise deie Angst vor dem Alleinsein oder die Angst vor Veränderung.

Zum einen wäre da natürlich der präventive Nutzen: Wer sich frühzeitig mit seinen Ängsten und Mikro-Vermeidungen auseinandersetzt, der kann wahrscheinlich eine Ausweitung des Phänomens verhindern. Es ist jedoch sehr verständlich, dass bei geringerem Leidensdruck hierfür kein Raum im Alltag besteht. Zudem ist es ein Charakteristikum von Ängsten jeder Art, eher weg- als hinzuschauen. Hier sind wir wieder im Vermeidungs-Prinzip, das – wenn vielleicht auch nur im Kleinen – dazu führt, dass Du Dich begrenzt. Ständiges Selbst-Begrenzen führt jedoch dazu, dass Du nie wirklich glücklich (weil frei) sein kannst.

Daher kannst Du Dich vielleicht beim Lesen dieses Artikels fragen, inwieweit Du Dein Verhalten bereits Deiner Angst unterordnest und ob Du Dir vielleicht selbst im Weg stehst, das erfüllende, kreative, freie Leben zu führen, das Deiner einzigartigen Persönlichkeit gerecht wird.

Angst vor Neuem

Die Angst vor Veränderung ist typisch menschlich. Auch diese Angst hat zum Überleben der Art geführt, als die Lebensumstände der Gattung Mensch noch deutlich schwieriger waren. Man stelle sich beispielsweise einen Steinzeitmenschen vor, der neugierig die Schlange betrachtet, die er noch nie gesehen hat. Je nach Region könnte dieses Verhalten dazu führen, dass der aufgeschlossene Steinzeitmensch sein Erbgut nicht weitergeben konnte.

Vorsichtiges, ängstliches Verhalten hatte einen deutlichen Überlebens-Vorteil für eine Art, die weder besonders schnell rennen konnte und auch sonst wenig zur Verteidigung zu bieten hatte, wie etwa starke Krallen oder Zähne. Wahrscheinlich sind Vorsicht und Angst DIE entscheidenden Faktoren zur Rettung der menschlichen Rasse gewesen. Kein Wunder also, dass sie so übermächtig in uns angelegt sind und auch durch rationale Überlegungen oft nicht zu besänftigen sind.

Das kommt Dir vielleicht übertrieben vor, doch genetisch sind wir noch nicht allzu weit von ihm entfernt. Und obwohl rational keine Gefahr besteht, kommt diese Eigenschaft bei sensiblen und kreativen Menschen noch heute zum Tragen. Hinzu kommen kulturbedingte Glaubenssätze (zum Beispiel aus der Familie), die vor allem die Sicherheit betreffen.

Als Beispiele können Personen dienen, die beruflich in einer Tätigkeit verharren, die sie weder ausfüllt noch ihnen Spaß macht. Sie bleiben im Unternehmen, denn wer weiß, ob die nächste Stelle nicht doch noch schlimmer ist? Oder sie geben ihre Träume und Ideen zugunsten der vermeintlichen Sicherheit einer Tätigkeit auf.

Gleiches gilt für Beispiele, die sicher jeder kennt: Beziehungen, die scheinbar nur noch bestehen, weil sich keiner traut, einen Schlussstrich zu ziehen. So sagte mir eine Klientin tatsächlich „Naja, immerhin schlägt er mich nicht.“ Und das meinte sie ernst.

Wir verharren lieber in bekanntem Unschönen, als uns dem Unbekannten, möglicherweise Erfüllenderen, zuzuwenden. Charakteristisch ist im Verlauf eine schleichende Unzufriedenheit und emotionale Abflachung, schlimmstenfalls Depression und Burnout.

Angst allein zu sein

Beziehungen, egal, ob Partnerschaft oder Freundschaft, werden aufrechterhalten, obwohl sie schon lange nicht mehr guttun.

Oft ist die Angst vor dem Alleinsein der Grund. Auch diese ist vor dem Hintergrund unserer Entwicklungsgeschichte sowie unserer Sozialisation sehr verständlich und hatte ihren Sinn.

Denn Menschen sind „Rudeltiere“, die Gruppe war überlebenswichtig. Gerade für Babys und Kinder war die Welt kein freundlicher Ort, denn als Nesthocker bzw. Spätentwickler im Vergleich zu anderen Säugetieren machte der Schutz der Gruppe den Unterschied zwischen Leben und Sterben. Somit ist die Angst vor dem Alleinsein mehr oder weniger in uns angelegt.

Dazu kommen mögliche traumatisierende Erfahrungen der frühen Kindheit, in denen sich das Kind allein und schutzlos gefühlt haben mag. Das müssen keine misshandelnden oder ignoranten Eltern gewesen sein, für ein kleines Kind reicht es möglicherweise schon aus, dass es nachts schreit, die Eltern aber schlicht zu müde sind und es nicht hören.

Bei der Angst vor dem Alleinsein spielt aber auch das bewusste Verhalten der Eltern in sehr jungen Jahren eine Rolle. Mögliche Gründe können falsche Erziehungsgrundsätze, die wiederum von den eigenen Eltern übernommen wurden, sein. Manch einer glaubte noch, dass man ein Kind „verwöhnt“, wenn man es nicht auch mal schreien lassen würde.

Andererseits gibt es aber auch Klienten, deren Eltern sich um alles gekümmert haben.

Manchmal nach bestem Wissen und Gewissen ein wenig zu sehr. Das Kind lernt dann nicht, dass es Dinge alleine bewältigen kann, was sich im Erwachsenenalter zu einer unbestimmten Angst vor dem Alleinsein auswachsen kann.

Die Betroffenen leiden, wenn sie alleine sind und suchen daher Ablenkung und Zerstreuung und leider häufig auch Beziehungen, die aus Abhängigkeit bestehen und in denen man sich schon nach kurzer Zeit nichts mehr zu sagen hat.

Angst vor Misserfolg

Auffällig viele meiner Klienten und Klientinnen berichten von einem nahezu quälenden Perfektionismus bei der Arbeit. Es wird von unbezahlten Überstunden berichtet, weil die Arbeit für einen selbst nie gut genug zu sein scheint. Und das, obwohl es von den Vorgesetzten nicht ein Wort der Kritik gab. Oder dass eine lapidare Email 3-4 Mal neu geschrieben wurde, bis sie letztendlich Gnade vor dem inneren Kritiker fand, oder man wirklich zu müde war.

Meist findet sich der Grund auch in der Kindheit: Entweder die Eltern waren selbst perfektionistisch, was sich deutlich im Umgang mit den Leistungen der Kinder zeigte.

Oder aber aus unterschiedlichen Gründen so sehr mit sich beschäftigt, dass das Kind mit dem Glauben aufwuchs, man müsse nur alles immer perfekt und sehr gut machen, da dies positive Zuwendung durch die Eltern gab.

Dieses Gefühl setzt sich dann im Erwachsenenalter fort, ohne dass der Zusammenhang mit den Eltern noch gegeben oder bewusst so empfunden wäre.

Eine speziellere Erscheinungsform der Angst vor Misserfolg ist die übermäßige Prüfungsangst und auch die Prokrastination.

Beides kann dazu führen, dass die Betroffenen wegen vermiedenen oder unvollständig vorbereiteten Prüfungen beruflich unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Angst mit oder vor Menschen zu sprechen

Eigentlich ist dies die Angst vor dem Ausgegrenztwerden gepaart mit schlechtem Selbstbewusstsein und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Die Gründe können zwar auch entsprechende Erlebnisse z.B. in der Schule sein, jedoch ist es auch möglich, dass es sich hier um einen sich selbst aufrechterhaltenden Mechanismus handelt.

Schüchternheit, ein Moment der Unsicherheit, dann entsprechende Reaktionen des Umfelds in Kombination mit selbst-abwertenden Gedanken lassen in Zukunft ähnliche Situationen mit Unbehagen zu erleben. Natürlich bleibt es dann nicht aus, dass die Qualität der Kommunikation – beispielsweise eines Vortrags – tatsächlich fachlich und/oder rhetorisch leidet. Oder die Mitschüler lachen. Fertig ist eine Angst-Vermeidungs-Spirale: Die Redeangst oder soziale Phobie.

Die Folgen sind in beruflicher Hinsicht ebenfalls, dass Betroffene unter ihren Möglichkeiten bleiben. Und in Hinsicht auf Beziehung ist es für Menschen mit leichterer oder schwererer sozialer Phobie schwer bis unmöglich, Kontakte zu knüpfen, Partner oder Freunde zu finden.

Besonders schwierig ist diese Spirale, da das schlechte Selbstbewusstsein zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird: Weil sie sich nicht hinaus trauen, können sie auch keine Erfolgserlebnisse sammeln. Dies wird dann als Bestätigung der negativen Glaubenssätze über die eigene Person und verstärkt den Kreislauf.

Thematisch passend dazu ist die Erythrophobie, die Angst zu erröten, zu der es in Kürze einen eigenen Artikel geben wird.

Diese Liste ließe sich um weitere Beispiele erweitern. Beispiele von Menschen, die klinisch gesehen keine Diagnose erhalten würden, jedoch nicht das Leben führen, das sie führen könnten.

Angst ist nicht nur mit körperlichen Stressfolgen verbunden, sie bindet auch Kreativität, fachliches Potenzial und verhindert Beziehungen, die aus freier Entscheidung zwischen unabhängigen Menschen auf Basis von Verbundenheit eingegangen werden.

Kurz: Ängste machen abhängig und unfrei. Ängste behindern das Denkvermögen und machen beeinflussbar. Höchste Zeit, dass wir uns alle mit unseren Ängsten beschäftigen.

Und es ist müßig, gegen die Angst kämpfen zu wollen, denn am Ende ist sie immer stärker. Mit Susan Jeffers gesprochen: „Feel the Fear and do it anyway.“ Wir verbünden uns mit unseren Ängsten und nutzen die ihnen innewohnenden Kräfte.

Wie das geht, erkläre ich Dir gerne im kostenlosen Erstgespräch!


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